Dienstag, 2. November 2021
Help me to make the most of freedom and of pleasure
Ich bin Gott so dankbar dafür, dass er die Türen verschließt, durch deren Schlüsselloch ich ab und an gerne spähe.
Ich bin kein Fan von Halloween, auch wenn ich ein Faible für alles Düstere und Mysteriöse habe. Aber ich empfinde es als anstrengend, mich zu kostümieren, zumal ich keine Lust habe, Geld für etwas auszugeben, was ich vermutlich nie wieder anziehe. Meine Suche nach einem passenden Kostüm endete in einer moderneren Interpretation der Mina Murray/Harker. Eher angelehnt an den Film von 1992 (den ich erst vor kurzem gesehen habe und mich direkt in Winona Ryder verliebt habe) als an das Buch, da die Mina aus dem Film teilweise eine Art der femme fatale verkörpert, von der ich ohnehin gerade besessen bin. Ein Kostüm, das einem Kleid von 1897 ähnelt, hatte ich nicht, weshalb ich zu einem knielangen, engen und langärmeligem Samtkleid mit Spitze griff. Mir würde wahrscheinlich ziemlich heiß im Club werden, aber irgendwie gefiel mir das Kleid. Ich hatte es zum ersten und letzten Mal vor einigen Jahren auf dem Schulball an, als das Motto 20er Jahre war und ich mehr oder weniger absichtlich ein Kleid aus der falschen Epoche trug. Um wenigstens ein bisschen gruselig auszusehen, orientierte ich mich an der Mina Harker in Sewards Quartier in der Nacht, in der Dracula sie besucht. Frisch gebissen, gerade getrunken. Makeuptechnisch bin ich nicht unbedingt begabt, aber ich gab mein Bestes, schminkte mein Gesicht weiß (wozu es nicht viel braucht, weil ich ohnehin total blass bin), schwarze Smokey Eyes und trug dunkelroten Lippenstift auf. Ich malte meine Augenbrauen dunkler und dünner, versuchte fahle Schatten in meinem Gesicht zu kreieren und trug eine Blutspur vom Mundwinkel bis zum Kinn auf. Zwei rote Punkte an der linken Seite meines Halses, schwarze Stiefel und ein Mantel, der aufgrund seiner Kapuze aussah, als wäre ich Teil einer Sekte und kurz nachdem die ersten Kinder klingelten und in glockenhellen Stimmen "Süßes oder Saures" riefen, machte ich mich auf den Weg. Wir wollten in Sevis und Nicos WG vorglühen, bevor wir in den Club gingen. Als ich an den klassizistischen Gebäuden des Königs vorbei ging, dessen Mätressen mich faszinieren und meine femme-fatale-Playlist hörte, fand ich Gefallen an Halloween. Ein Teil von mir hegt eine rege Faszination für das Düstere. Wann immer ich in die Rolle der bösen Rachekönigin schlüpfen muss, passt sie mir wie angegossen. Dennoch versuche ich diesen Teil von mir im Zaum zu halten, vielleicht sogar zu unterdrücken. Rache und Manipulation sind Dinge, die mir vielleicht kurzzeitig ein Gefühl von Überlegenheit geben, mich aber langfristig gesehen nicht glücklich, sondern verbittert und zynisch machen. Und so möchte ich nicht sein.
Ich zog meine Kopfhörer aus den Ohren, klingelte und stieg in den Aufzug. Sevi öffnete mir die Türe, sagte mir in der Umarmung, wo das Bier stand und war gleich wieder weg. Chris, Thomas, Fabi und Fabis Freundin Meike, die ich zum ersten Mal kennen lernte, spielten Bierpong im Flur. Fabi bat mich, kurz für sich einzuspringen, aber ich traf nur ein einziges Mal. Es waren einige Leute da, die Wohnung war ziemlich voll. Ich dachte, das mein Kostüm vermutlich das kreativloseste war, aber die wenigsten hatten sich kostümiert. Später erfuhr ich, dass auch die wenigsten in den Club mitkommen würden, was wohl der Grund dafür war. Auch ich kostümierte mich nur, weil ich sonst nicht in den Club kommen würde.
Nach einer Weile kamen Bene und Emma (die saugeil aussah), mit denen ich mich an einen Tisch zu anderen setzte, wo wir anfingen, Trinkspiele zu spielen. Max, mit dem ich zur Schule gegangen war, sah ich auch zum ersten Mal seit Ewigkeiten wieder. Auf Nachfrage versuchte ich ihm und Thomas zu erklären, wer Mina Harker ist, aber Max sagte nur:"Einfach lächeln und nicken, Thomas." :D
Ich hatte mich zu Beginn des Abends dazu entschlossen, Bier statt harten Alkohol zu trinken, um nicht irgendwelche dummen Sachen zu machen. Das Bier spürte ich auch schon, aber es hielt sich in Grenzen. Irgendwann kam Chris, dessen Kostüm lediglich aus einem Schild bestand, der sich von hinten zur mir runterbeugte und mich in den Hals biss. Nur weil ich dort zwei rote Punkte aufgemalt habe, war das noch lange keine Aufforderung. Er spielte auch mit und küsste direkt zwei Mädels. Um meinen Ego zu testen, ließ ich mich völlig darauf ein, ohne Mauern. "Fühle den Schmerz", dachte ich, als er sich zu der Ersten herunterbeugte. Aber ich fühlte...nichts. Absolut gar nichts. Ich war ziemlich stolz auf mich. Chris liebt einfach alle Frauen und ich kann es ihm absolut nicht vorwerfen. :D
Irgendwann wurde das Spiel unterbrochen, Chris saß neben wir und wir sprachen intensiv. Über was genau, weiß ich nicht mehr.
Bene kam auf uns zu und fragte:"Habt ihr's oder wollt ihr euch ein Zimmer nehmen?"
Dabei haben wir nicht einmal gekuschelt oder uns irgendwie berührt. Aber Bene hatte letztes Mal schon wissend gegrinst, als er mir eröffnete, dass Chris gleich auftauchen würde. Wusste er etwas, das ich nicht wusste oder interpretiert er einfach genau so frei Schnauze wie alle anderen?
Bene, Chris, Emma und ich verabschiedeten und von den anderen, zogen uns an und fuhren in Benes Auto zum Club. Im Auto war ich ziemlich angetrunken. Chris und ich kuschelten, meine Hand lag auf seinem Knie.
Ich war zum ersten Mal in diesem Club. Es war gut besucht, aber die Räumlichkeit war groß, weshalb wir genügend Platz zum Tanzen hatten. Die Musik gefiel mir, ebenso wie die Umgebung. Düstere Lichtverhältnisse, Mädels in knappen Outfits, Stripperinnen, von denen ich mir direkt Alkohol geben ließ. Wir tanzten und tanzten, irgendwann kamen noch Charlotte und Alex mit ihren Freunden. Wir setzten uns eine Weile hin und quatschten. Ein Typ, mit einer extrem anziehenden Aura ging vorbei, unsere Blicke trafen sich. Chris sah ihn auch und sagte, er würde zwischen den Geschlechtern schwimmen. Auch ich fand, dass er männliche und weibliche Energie auf sehr attraktive Weise miteinander verband.
Wir tranken, tanzten weiter, irgendwann legte Chris seine Hände auf meine Taille und wir tanzten zusammen. Weitestgehend im platonischen Bereich. Bene und Emma gingen gegen zwei, Charlotte und Alex waren ebenfalls schon weg, so dass nur Chris und ich übrig blieben. Ja moin.
Ich wusste, dass das gefährlich war. Als Chris und ich draußen frische Luft schnappten, schrieb ich Ina und Vroni, dass ich einen Peptalk bräuchte, damit ich nichts Dummes machte. Sie riefen mich an, aber wir waren schon wieder auf der Tanzfläche. Als wir das nächstes Mal rausgingen, hatten sie ein Bild von sich geschickt und mir gut zugeredet. Gerade erst diese Woche hatte ich erfahren, wie es sich anfühlt, einen guten Freund zu küssen: Nicht gut. Beziehungsweise nicht richtig. Deshalb wollte ich es eigentlich nicht wiederholen.
Ich lehnte im Außenbereich an der Theke einer Bar ohne Betrieb, Chris stand vor mir und schloss mich in die Arme. So standen wir minutenlang da. Seine Finger strichen über meinen Rücken, immer und immer wieder und ich wusste, dass es zu spät war. Ich hielt seinem Blick zwar nicht lange stand, aber ich wusste, dass ich ihn nicht aufhalten würde, wenn er mutig war. Ich würde Ina und Vroni enttäuschen müssen.
Der Typ mit der anziehenden Aura ging an uns vorbei. Nun konnte ich erkennen, woraus diese Mischung bestand. Eleganter, aber eher weiblicher Gang. Schwarzes Muskelshirt. Ein Haarreif mit schwarzen Teufelshörnern. Haare zum Minidutt. Schwarzer, zerrissener Netzhandschuh. Ausgeprägte Armmuskeln. Leicht geschminkte Augen. Kunstblut am Hals. Silberkette. Eine Ausstrahlung, die vor Selbstsicherheit nur so strotzt.
Chris:"Da ist wieder der Typ, der zwischen den Geschlechtern schwimmt. Der hat dich vorher schon abgecheckt."
Ich löste meine Arme von seinem Hals und sah ihn an. Unerwarteterweise erwiderte er meinen Blick. Ich lächelte und rechnete damit, dass er den Blickkontakt unterbrechen würde. Aber er lächelte selbstbewusst zurück und hielt meinem Blick sekundenlang stand. Ich war überrascht. Chris und ich sahen definitiv gerade so aus, als würde etwas zwischen uns laufen. Seine Hände lagen nach wie vor auf meiner Taille, unsere Körper waren einander zugewandt. Ziemlich mutig also.
Chris und ich wollten noch etwas essen, bevor wir uns auf den Heimweg machten. Problematisch war nur, dass Chris keine Maske dabei hatte. Während ich an die betriebslose Bar gelehnt wartete, ging Chris von Gruppe zu Gruppe und fragte, ob jemand eine Maske übrig hätte. Schließlich kam er bei der Gruppe des Typen mit der Aura an. Ich sah, wie Chris nach einer Maske fragte, der Typ mit der Aura kurz etwas sagte (wie Chris später erzählte, sagte er angeblich:"Ah, dann ist deine Freundin gerade alleine?") und sich so energetisch umdrehte, dass ich gar nicht schnell genug wegsehen konnte, um zu verbergen, dass ich sie gerade beobachtet hatte. In schnellen, selbstbewussten Schritten kam er auf mich zu, ohne mich aus den Augen zu lassen. Ich war perplex von so viel Mut. Perplex, aber aphroditisiert. Diese Art von Jagdinstinkt werde ich von nun an normalisieren. Das folgende Gespräch war inhaltlich eher banal, aber zwischen uns herrschte eine ziemlich intensive Spannung.
Er sah mich an, zog an seiner Zigarette, hielt sie mir hin und fragte:"Möchtest du?"
Ich:"Nein danke, ich rauche nicht."
Er:"Dann sind das nicht deine?" und deutete auf die leere Packung Zigaretten, die hinter mir auf dem Tresen lag.
Ich:"Nein."
Er schnippte die Kippe weg und atmete Rauch aus.
Er:"Ich mag dein Kostüm."
Ich:"Danke, ich deins auch."
Er:"Wie alt bist du?"
Ich grinste. "Rate."
Er erriet es nicht und war ebenso überrascht über mein Alter wie ich über seins. Verdammt, er wirkte viel älter. Selbstbewusstsein macht einfach so viel aus. Und ausgeprägte Armmuskeln können auch dazu beitragen.
Er:"Mit wem bist du hier?"
Ich:"Mit einem Kumpel."
Er:"Magst du tanzen?"
Ich:"Gerne. Ich kann aber nicht so lange."
Die Art, wie er augenblicklich die Kontrolle übernahm, war so attraktiv. Und dennoch strahlte er keine aggressive, sondern eher eine ausgeglichene Dominanz aus. Er wusste, dass er seine Männlichkeit nicht beweisen musste. Er nahm meine Hand und führte mich durch die Menge. Wieder fiel mir sein weiblicher Gang auf. Auf halbem Weg drehte er sich um, legte seine Hand auf meine Taille, sah mich intensiv an und fragte:"Ist er wirklich nur ein Kumpel?"
Ich:"Für mich schon."
Wir gingen nach drinnen. Mit zielstrebigen Schritten führte er mich auf den Mittelpunkt der Tanzfläche. Wir tanzten, quatschen ein bisschen. Irgendwann küsste er mich. So sollte sich ein Kuss anfühlen. Nach einer kleinen chemischen Reaktion. Das war genau das Ventil, das ich gebraucht habe. Er machte mir die ganze Zeit Komplimente, aber ich nahm es nicht zu ernst. Er wusste genau, was er tun und sagen musste. Wir knutschten rum, irgendwann sagte ich ihm, dass ich gehen müsste. Er führte mich nach draußen, Chris kam auf uns zu.
Ich:"Chris!"
Er:"Hi!"
Ich:"Chris, das ist... wie heißt du eigentlich?"
Der Typ grinste. "Julius. Und Du?"
Ich nannte meinen Namen. Chris erzählte, dass er immer noch keine Maske gefunden hätte. Nachdem Julius sogar eine Notärztin gefragt hatte, konnte Chris endlich eine Maske bei einem Mädel ergattern. Ich hatte die Hoffnung, dass er nicht nur die Maske bekäme, aber nichts dergleichen passierte. Chris holte schon einmal seine Jacke, Julius versuchte mich dazu zu überreden, zu bleiben. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt auf jemanden getroffen bin, der eine so mühelose und selbstverständliche Selbstsicherheit ausstrahlte. Das war so verdammt attraktiv. Trotzdem hatte ich Hunger und Pommes gingen vor. Wir knutschten rum. Es war nicht der beste Kuss meines Lebens, aber es war ziemlich gut. So gut, dass ich nicht aufhören wollte, aber gleichzeitig wollte ich Chris auch nicht so lange warten lassen. Ich holte meinen Mantel, wir knutschen wieder, er holte seine Jacke, wir knutschten. Schließlich gingen wir zusammen mit Chris und seinen Freunden zur Bahn. Chris versteht sich so ziemlich mit jedem gut, weshalb wir schließlich in einer ungewöhnlichen Konstellation zur Bahn gingen. Julius hatte seine Hand um meine Taille gelegt, ich legte den Arm um seine, während ich mit der gleichen Hand Chris' Hand hinter Julius Rücken hielt.
Wir redeten betrunkenen Blödsinn, an dem unser Altersunterschied doch auffiel, Julius' Teufelshörner warfen Schatten auf den Asphalt. Ein Kommentar über den Konsum von Extacy machte mir auch deutlich, dass diese Anziehung rein körperlicher/ausstrahlungsmäßiger Natur war. Unsere Bahn kam, Julius küsste mich noch einmal und sagte:"Wir sehen uns."
Ich grinste. "Oder auch nicht."
Chris und ich stiegen in die Bahn ein.
Chris:"Und? Hast du wenigstens seine Nummer abgestaubt?"
Ich:"Nein."
Chris:"Wieso nicht?"
Ich:"Er hat nicht gefragt. Ich bin die Beute, nicht der Jäger."
Chris lachte. Wir fuhren dort hin, wo es Pommes gab, aßen sie draußen und stiegen in die nächste Bahn und fuhren nach Hause. Inzwischen war es halb sechs und ich war ziemlich müde. Ich lehnte mich an Chris Schulter, der währenddessen durch Instagram scrollte und schlief ein. Ein paar Minuten später wachte ich wieder auf. Chris stieg eine Station vor mir aus. Wir umarmten uns zum Abschied und ich fuhr alleine nach Hause.
Obwohl ich zu Beginn des Abends nicht im Reinen mit mir selbst, sondern eher ein bisschen unsicher war, war es doch ein gelungener Abend. Ich habe viel getanzt. Das Ventil hat mich genau in dem Moment gefunden, in dem ich dachte, es wäre zu spät. Ich liebe es, wenn Gott Türen verschließt. Einmal platonische Grenzen überschreiten reicht. Das will ich nicht wiederholen.

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